Von Grenzen und Illusionen – beängstigend oder befreiend?

Alles ist eins und eins ist alles.
Alles ist eins und eins ist alles.

Wir sind Meister im Abgrenzen. Wir setzen Grenzen zwischen Kontinenten und Ländern, Grenzen zwischen uns Menschen und sogar Grenzen zwischen uns und unseren Gefühlen. Doch Grenzen sind eine Illusion, etwas von uns geschaffenes, das wir mit grossem Energieaufwand aufrecht erhalten, das wir verteidigen und an das wir glauben.

 

Bereits als Teenager machte ich die Erfahrung von „alles ist eins und eins ist alles“. Als ich eines Tages unter einer Birke sass und plötzlich nicht mehr erkennen konnte, wo ich aufhörte und der Baum begann. Alles verschmolz zu einem Ganzen: der Baum, die Erde, ich. Diese Erfahrung faszinierte mich ebenso, wie sie mich ängstigte. Denn Grenzen – so lernen wir – dienen unserem Schutz.

Was nun, wenn dieser Schutz ebenso eine Illusion ist wie die Grenze selbst? Was geschieht, wenn wir das akzeptieren, also den Gedanken zulassen, dass Grenzen eine Illusion sind? Ist es beängstigend oder befreiend? Nehmen wir einmal die Grenze, die wir am meisten beeinflussen können: die Grenze zwischen uns und unseren Gefühlen. Oft sind wir uns gar nicht bewusst, wie oft wir unsere Gefühle ausgrenzen.

 

In unserer Gesellschaft ist Ersatzbefriedigung eine wunderbare Möglichkeit, nicht mit unseren Gefühlen in Kontakt zu kommen, sie zu überdecken. Dabei denke ich nicht nur an die üblichsten Ersatzbefriedigungen wie Alkohol oder Drogen, die eine starke und direkte Trennung bewirken (mit der Illusion, dass wir uns nun erst recht spüren!). Sondern auch ans TV schauen (ich kümmere mich lieber um die Probleme in der Soap, als um meine eigenen), ans Essen (Leere mit Essen füllen, um eine kurzzeitige Befriedigung zu spüren) oder auch Online-Shopping (das Gefühl, ein Bedürfnis befriedigt zu haben).

Schaffe Verbindung, nicht Mauern
Schaffe Verbindung, nicht Mauern

Aber das, wonach wir uns sehnen, ist nicht in einer Ersatzbefriedigung zu finden. Es ist eine Illusion zu glauben, dass unsere wahren Bedürfnisse uns nicht einholen, wenn wir nur genug abgelenkt sind. Wir spüren ein tiefes Bedürfnis nach Verbindung – das Gegenteil von dem, was wir mit all unseren Grenzen erreichen. Wir mögen diesen Wunsch nach Verbundenheit auf andere Menschen projizieren, suchen sie im Aussen, doch wirkliche Verbindung beginnt bei uns.

 

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass wir Gefühle nicht selektiv ausgrenzen können? Wenn wir Gefühle nicht mehr richtig zulassen, bezieht sich dies nicht nur auf solche, die wir nicht mögen, wie Wut, Trauer, Angst. Sondern wir betäuben allgemein die Fähigkeit, zu spüren: Liebe, Freude, Mitgefühl. Mauern wirken auf beide Seiten: es kommt nichts mehr rein, es geht nichts mehr hinaus. Das Ziel ist die Isolation, die wir doch so unbedingt vermeiden wollen.

 

Verbinde dich wieder mit dir, deinen Gefühlen, deinem Sein. Gefühle sind wie kleine Kinder, sie wollen gehört werden. Je mehr wir sie unterdrücken, desto lauter schreien sie, desto mehr müssen wir gegen sie kämpfen, desto ... du merkst, wo das hinführt? Was, wenn wir aufhören, zu kämpfen, sondern einfach zulassen? Höre dir selber zu. Sei achtsam, was du fühlst. Du spürst Wut? Höre deiner Wut zu, frage sie, woher sie kommt und was sie dir mitteilen möchte. Was steckt hinter deiner Wut? Diese Fragen kannst du dir zu jedem Gefühl stellen und du wirst erstaunt sein, was geschieht. Die Erleichterung, nicht mehr dagegen ankämpfen zu müssen. Die oft verblüffende Botschaft hinter deinen Emotionen. Den Fluss zuzulassen, ohne Mauern aufrecht erhalten zu müssen. Die Verbindung zu dir selbst (wieder) zu spüren.

 

Was geschieht bei dir, wenn du deine Gefühle zulässt? Ich freue mich, wenn du deine Erfahrungen mit mir teilst und sie im Kommentar posten magst.

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