Ist mehr Bewusstsein nützlich?

„Bewusstseinserweiterung“, „Bewusstwerdung“, „Erwachen“ – wie auch immer du es nennen magst – liegt im Trend. Wir meditieren für mehr Achtsamkeit und besuchen bewusstseins-erweiternde Seminare. Doch was nützt mir dieses gesteigerte Bewusstsein?

 

Und hätte mich bitte vorher mal jemand über die Nebenwirkungen informieren können?!

Meinen ersten grossen „ Schub“ hatte ich mit 20 Jahren. Ich lebte damals einige Monate in Australien. Ein riesiges Land, so viel Weite und im Verhältnis dazu wenig Menschen: also eine geringe Energiedichte. Ich öffnete mich in dieser Zeit so richtig: Herz, Seele, alles hat sich ausgedehnt (natürlich unbewusst ;-). So ‚geöffnet’ bin ich dann in die kleine Schweiz zurückgekehrt – und mich hat’s erstmal richtig durchgeschüttelt. Ich wusste kaum noch, wo oben und unten ist und war nicht einmal mehr in der Lage, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Viel zu viel Energie, mit der ich nicht umgehen konnte. Ich wusste nicht, wie mir geschieht.

Damals hatte ich noch nicht viel Ahnung von Bewusstseinserweiterung. Ich wusste, dass ich ein feinfühliger Mensch bin und viel wahrnehme, aber wie viel, wurde mir erst in diesem Moment so richtig bewusst – wortwörtlich. Es war der Moment, als ich begonnen habe, mich mit meiner Wahrnehmung auseinanderzusetzen. Zwar noch mit viel Ablehnung und dem Gedanken, dass es wohl ein böser Fluch ist, aber immerhin ;-)

 Seither habe ich immer wieder solche „Schübe“. Ich nannte sie lange „Intensivierungs-Schübe“ und stand dem eher skeptisch gegenüber. Denn jedes Mal nach einem solchen Schub, fühlte sich die Welt an wie auf einem LSD-Trip (nicht, dass ich mich damit auskenne, aber so wie ich mir einen solchen Trip vorstelle ;-). Alles erschien mir bunter, lauter, grösser – und ich darin so klein. Meist war das auch mit körperlichen Beschwerden verbunden. Starke Migräneanfälle, Angstzustände in grossen Menschenmengen bis hin zu unkontrolliertem Schütteln meines ganzen Körpers. Letzteres war besonders für meine Mitmenschen schlimm anzusehen.

 

Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Ich wusste, dass ich nach jedem Schub wieder einen neuen Weg finden muss, mit der gesteigerten Wahrnehmung klarzukommen. Doch irgendwann wurde eine bestimmte Frage immer lauter: „Was soll das Ganze eigentlich?“ Ich war nicht sicher, was mir das bringen soll (ausser vielen Herausforderungen) und was ich damit anfangen konnte.

Durch die grössere Bewusstheit, durch das intensivere Wahrnehmen der Menschen um mich herum, der Stimmungen, Befindlichkeiten, Atmosphären, wurde vieles schwieriger. Ich hatte Mühe mit allen starken Emotionen, die mir meine Mitmenschen entgegen brachten. Sie überforderten oftmals mein Nervensystem. Ich brauchte viel mehr Ruhe und Stille als früher. Die Clubnächte wurden zur Tortur, ebenso wie die Strassenbahn in den Stosszeiten oder ein Shopping-Bummel am Wochenende.

Ich wusste auch nicht, wie ich meinem damaligen Freund erklären sollte, dass ich ihn zwar liebe, aber ihn in manchen Nächten einfach nicht neben mir ertrage. Nicht seinetwegen, sondern weil ich mit der zusätzlichen Energie nicht umzugehen wusste. Für jemanden, der nicht so empfindet wie ich, kann das sehr verletzend sein. Das waren ganz schön viele schlaflose Nächte – ich wollte ja „nicht ständig so blöd tun“!

 

Doch irgend einen Sinn musste das Ganze doch haben? Ja, ich kann dich beruhigen, das hat es, so viel weiss ich heute :-) Die grundsätzliche Erkenntnis ist folgende: Sehr viele dieser Wahrnehmungen hatte ich auch früher schon, ich war mir dessen einfach nicht bewusst. Was das bedeutet? Es bedeutet, dass ich früher unter anderem ständig unter Kopfschmerzen litt oder schlimme Wutanfälle hatte, aber mir nie bewusst war, dass dies eine Reaktion auf meine Aussenwelt ist. Ich ging sofort in die Verurteilung meines Körpers und meiner Gefühle.

 

Heute frage ich mich sofort „Ist das meins?“ – und in 99.9% aller Fälle ist es das nicht. Will heissen, ich schnappe mal wieder etwas auf, was gar nicht mir gehört. Denn wir alle sind wie gigantische und feingetunte Radioantennen, die alles rundherum aufschnappen. Und dann machen wir es zu unserem Problem, unseren Gefühlen und unseren Schmerzen.

Durch die Bewusstwerdung komme ich viel früher in die Achtsamkeit und in die Frage, was mir der Schmerz oder das Gefühl, das ich gerade empfinde, mitteilen möchte. Dadurch bin ich nicht länger Spielball meiner Gefühle und meinen Schmerzen nicht mehr hilflos ausgeliefert. Das Bewusstsein hilft mir, anders damit umzugehen. Verständnisvoller. Liebevoller. Und nicht permanent in der Verurteilung von mir selbst. Ich mache mich nicht länger falsch.

Denn das ist eine der wichtigsten Lektionen: Ich stehe dazu, was ich wahrnehme und ich schaue in erster Linie zu mir und sorge dafür, dass es mir gut geht. Das mag andere Menschen mal vor den Kopf stossen oder zu unangenehmen Situationen führen. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen ich mich gequält habe, weil ich „normal“ sein wollte, nicht auffallen wollte, keine Umstände machen wollte. Das ist nicht Egoismus, das ist Selbstliebe.

Denn meine feine Wahrnehmung ist ein Geschenk. Ein herausforderndes, aber ein Geschenk ;-) Geholfen, dieses Geschenk anzunehmen und zu nutzen, haben mir – wie so oft – die Fragen.

Heute frage ich mich immer wieder:

  • Was für ein Beitrag kann meine intensive Wahrnehmung für mich sein?
  • Was für ein Beitrag kann sie für meine Kunden sein?
  • Und was für ein Beitrag für die Welt?

Ohne diese immer grössere Bewusstwerdung, könnte ich nicht so arbeiten, wie ich es heute tue. Und ich bin dankbar, dass ich diesen Weg gehen darf und meinen Mitmenschen vielleicht einen neuen Blickwinkel auf den Trend „Bewusstwerdung“ zeigen kann.

Von Herz zu Herz

 

Nadine

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Ingrid (Mittwoch, 25 Januar 2017 23:31)

    Tausend Dank für diese ehrlichen und tiefgehenden Worte, liebe Nadine! Es spricht mir aus dem Herz und macht mir Mut, wenn ich sehe, dass es anderen auch schwer fällt mit dem wahrnehmen. Herzliche Grüsse, Ingrid

  • #2

    Rabiya (Mittwoch, 01 Februar 2017 11:42)

    Liebe Nadine
    HerzensDank ❤für deine Offenheit dich zu zeigen und diesen Beitrag darüber zu schreiben!Schon bei den ersten Worten öffnete sich mein Herz und fühlte sich soooo gesehen und verstanden .....oh my ....wie gut kann ich deine Worte nachempfinden......und wie oft habe auch ich mich für all meine Empfindungen und Wahrnehmungen als falsch hingestellt! Oh ....ich könnte jetzt auch einen großen Block darüber schreiben .....
    Ich Danke � dir für deinen Mut
    Dein Licht und deiner Liebe dich mich immer wieder unterstützt durch das was du uns hier schenkst ❤
    In Liebe
    Rabiya

  • #3

    Nadine (Mittwoch, 01 Februar 2017 18:32)

    Danke dir von Herzen, liebe Rabiya! <3 Ich bin so berührt von deinen Worten und freue mich, wenn ich ein Beitrag sein darf!
    In Dankbarkeit und Liebe
    Nadine